Login
Registrieren

Die Bieridee

13.03.2020 um 10:51 von Phil

Karin Wagemann kündigte ihren gut bezahlten Job, um mit ihrem Mann eine Kleinbrauerei zu eröffnen. Offen für Neues zeigt sich das Start-up nicht nur bei den Braukreationen, sondern auch bei der Mittelbeschaffung.

Es braucht nur einen Stehapéro mit dem falschen Angebot, damit Karin Wagemann zur Rebellin wird. Zur Bier-Rebellin, um genau zu sein. Denn wenn immer an einem solchen Anlass nur Wein, Wasser und Saft aufgetischt wird, lässt ihr der Berufsstolz keine andere Wahl. «Dann muss ich einfach nach einem Bier fragen. Es geht ums Prinzip.» In den vergangenen Jahren hat die Bierkultur in der Schweiz eine gewaltige Entwicklung hingelegt. In nur fünf Jahren hat sich die Anzahl registrierter Brauereien mehr als verdoppelt: Von 483 im Jahr 2014 auf 1132 im Jahr 2019. Eine von zahlreichen Klein- und Kleinstbrauereien ist Soo. Bier aus Sursee, gegründet vor rund vier Jahren von Karin Wagemann, ihrem Mann und einem weiteren Partner. «Wenn ich mich heute in unserer Brauerei umschaue, habe ich keinen Zweifel, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben», sagt die Geschäftsführerin.

Beim Biertrinken kennengelernt

Angefangen hat alles an einer WG-Party in Luzern, wo sich Wagemann und ihr späterer Ehemann Alex Oleschinky beim Biertrinken zum ersten Mal begegneten. Noch am selben Abend ging es weiter in eine Bar. Dass dort nur langweiliges Lagerbier ausgeschenkt wurde, spielte für einmal keine Rolle. Entscheidender war, dass die beiden in diesen Stunden den Grundstein für ihre gemeinsame Zukunft legten. Als die Surseerin ihrem Schwarm später ihre Heimat zeigte, fiel dem aus Bayern stammenden Bierliebhaber schnell auf, dass es in dem schmucken Städtchen weit und breit kein regionales Gebräu gibt. Und so musste Oleschinky nicht lange überlegen, als er während seinem Masterstudium an der Hochschule Luzern einen Businessplan für ein neues Unternehmen erarbeiten sollte. Als Fallbeispiel diente natürlich eine Brauerei.

Aus der Studienarbeit wurde bald schon Realität. Mitte März 2015 war die Sorseer Bier AG geboren. «Nachdem wir bis dahin vor allem am Küchentisch Pläne geschmiedet hatten, war die Brauerei nun plötzlich da», erinnert sich Karin Wagemann. Die heute 36-jährige Unternehmerin kündigte ihren gut bezahlten Job als Sozialarbeiterin in der Klinik St. Urban, um sich fortan ganz auf ihre neue Aufgabe als Brauereileiterin zu konzentrieren.

Soo. Bier möchte nicht nur Bier brauen, sondern auch die Bierkultur fördern.
 

Ein Erlebnis für alle Sinne

In den vergangenen vier Jahren ist die Brauerei in Sursee zu einem stattlichen Betrieb gewachsen. Heute beschäftigt sie vier Mitarbeitende und eine Lebensmitteltechnologin in Ausbildung. Kaum öffnet sich die Tür zur Brauerei, erfasst einen ein intensiver Duft von Hopfen und Malz. Und weil Besucherinnen und Besucher der Brauerei zwischen zahlreichen Biersorten wählen dürfen, ist der Besuch ein Erlebnis für alle Sinne. «Bier löst Emotionen aus», weiss Wagemann. Deshalb umfasst ihr Geschäftsmodell viel mehr als nur helle und dunkle, starke und weniger starke Biere. Wer Lust hat, kann in Sursee einen Braukurs absolvieren oder sich mit Freunden zu einer Betriebsführung inklusive Degustation anmelden.

Beim Brauprozess ist Kreativität und Innovationsgeist gefragt: Karin Wagemann bietet ihrer Kundschaft im Sommer auch mal ein Bier mit Basilikum an oder zur Adventszeit ein Weihnachtsbier mit Lebkuchengeschmack. «Den Kombinationsmöglichkeiten sind kaum Grenzen gesetzt.» Inspiration findet die Unternehmerin unter anderem auf ihren Reisen. «Der Besuch einer lokalen Brauerei ist stets Pflicht», betont die Biersommelière.

Crowdlending-Zielbetrag deutlich überschritten

Rund 600’000 Franken brauchte das Gründungsteam der Brauerei für den Start. Die Aktionärinnen und Aktionäre waren rasch gefunden, mittlerweile sind es über 600. Um das Eventangebot auszubauen und eine Nachwuchsbrauerin ausbilden zu können, benötigte die Firma im Sommer 2018 weitere Mittel. Dazu führte die Mikrobrauerei erfolgreich eine Crowdlending-Kampagne auf funders.ch durch. «Es war spannend, etwas Neues auszuprobieren», berichtet Wagemann. Dass der Zielbetrag von 60’000 Franken am Ende so schnell zusammenkam, war für die Brauer eine erfreuliche Überraschung. Trotz des Erfolgs sagt Wagemann: «Unsere Brauerei befindet sich immer noch in der Start-up-Phase. Bis zu einem selbsttragenden Betrieb haben wir uns fünf Jahre Zeit gegeben.» Noch ist es nicht ganz so weit, doch Karin Wagemann betont: «Wir sind auf gutem Weg.»


Soo. Bier, Sursee

Vision: Förderung der Bierkultur in Sursee und Umgebung

Geschäftsmodell: Alle Biere von Soo. Bier werden in Sursee gebraut. Über den Onlineshop können die Biere in die ganze Schweiz verschickt werden. Zum Sortiment gehören nebst Klassikern auch spezielle, saisonale Biere. Die Brauerei bietet zudem Betriebsführungen, Braukurse, Bierverkostungen oder individualisierte Etiketten an.

Besonderheit: Die Brauerei hat mehrere nationale und internationale Auszeichnungen gewonnen, so unter anderem den World Beer Award – Switzerland.

www.soobier.ch

0 Kommentar(e)